März 2002. Auf der Grazer Probebühne wird das Stück „Schädelstätte“ von Andreas Erdmann aufgeführt. Ein Ein-Personen-Stück. Ein Monolog für eine Frau. Monique Schwitter spielt eine intensive Stunde lang Maria. Die Mutter Jesu, die ihren gekreuzigten Sohn dazu bewegen will, endlich vom Kreuz zu steigen.
Oberflächlich betrachtet, eine unpassende Satire. Aber es war weit mehr. Kein billiges Schauspiel, kein ins Lächerliche ziehen, im Gegenteil: Eine überaus anregende Nachdenk-Stunde. Über die Rolle von Maria. Hauptrolle – Maria.
Auf dem Foto nebenan Monique Schwitter als Maria. Eine begnadete Schauspielerin. Ihr schien die Rolle auf den Leib geschrieben. Sie tauchte im Stück aus dem Halbdunkel des kleinen Raumes auf und warf sich mit all ihrer Überzeugungskraft ins grelle (Scheinwerfer)Licht. Kämpfte an gegen einen Baustellen-Drahtzaun, der sie vom Publikum trennte. Sie schrie, bettelte, flüsterte, lockte, weinte, schimpfte, in die Zuschauermenge. Wir waren dort, wo Jesus hing. Am Kreuz. Sie gab alles, versuchte alles, war derb und grob und dann wieder erschreckend hilflos, ohnmächtig in ihrer Liebe, in ihrem Bemühen, Jesus vorm Tod am Kreuz zu bewahren.
Ein Stück. Worte, Sätze, Stille. Eine Geste der Ohnmacht einer verzweifelten Mutter unter dem Kreuz. Ein Bilderreigen von Maria. Von der Schädelstätte. Ausnahmsweise keine fromme, schweigsame Maria. Eine, die schreit und winselt, um das Leben ihres Kindes feilscht. Die sich nicht einfach damit abfinden will, dass es ein tödliches Ende nehmen wird. Die nicht verstehen kann, wie es dazu kam. Die nichts einfach schluckt. Eine leidenschaftliche Anwältin für ihr Kind. Diesen Jesus, den sie nicht und nicht versteht, und der ihr nicht mehr gehorchen will.
Andreas Erdmann hat kein bibeltreues, frommes Stück geschrieben. Er hat sich viel mehr die Frage gestellt: Wie ist Maria mit diesem grausamen Tod am Kreuz fertig geworden? Was hat sie gedacht, gefühlt? Hat sie es ohne Widerspruch geschluckt und hingenommen? Können wir das überhaupt noch nachvollziehen?
Hauptrolle Maria. Meist spielt sie lediglich die Nebenrolle. Steht im Hintergrund. Gehört halt dazu. Schweigend. Nein, in diesem Stück darf sie alles sagen. Was sie spürt und plant. Und hofft. Und denkt, und nicht versteht. Darf herauspressen, was scheinbar unpassend ist.
Andreas Kessler hat im Programmheft einen wunderbaren Satz geschrieben: „In und an Maria wird der Raum der Geborgenheit, der Reinheit, der Unverletzlichkeit betreten, in dem es Platz für die eigenen Ängste, Schmerzen und Enttäuschungen hat. Und das ist gut so …“ Ja, es ist gut so.
Maria – Monique Schwitter – schreit und bittet sich die Seele aus dem Leib.
Umsonst. Ihr Gesicht verändert sich ununterbrochen. Von lieb bis zornig. Sie wimmert und stürzt und rebelliert. Maria in der Hauptrolle. Ein ganz neues Bild von ihr.
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Helmut Loder
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